Train the Trainer/Träger:
Von Sehbehinderten lernen?

Seit 2013 leite ich Seminare für Sehbehinderte zum Thema Berufsplanung und authentische Vorbereitung auf Einstellungsgespräche. Das war mir erst durch zahlreiche Gespräche mit Leuten aus der Praxis möglich: mit Sehbehinderten, die Fortbildungen besuchten sowie Lehrenden, die Sehbehinderte unterrichteten. Hier lernte ich Hilfsmittel kennen. Zum Beispiel wie ich mir blind ein Glas Wasser fülle, ohne dass es überläuft. Indem ich die Spitze vom Zeigefinger ins Glas halte und damit spüre, wann der Wasserspiegel bis zur Fingerspitze reicht. Und das Bilder nicht nur durch sehen im Kopf entstehen, sondern auch durch Sprache. Wie das Beispiel mit dem Zeigefinger und dem Wasserglas verdeutlicht. Es entsteht ohne Bild ein Bild.

Lerne dich kennen

In diesen Gesprächen lernte ich was über mich, was mir im ersten Moment super peinlich war: Ich wurde mir meiner (unbewussten) Vorurteile gegenüber Sehbehinderten bewusst. Als Hilfsbereiter und sozialer Mensch hatte ich oft den Reflex, Sehbehinderten ungefragt Hilfe anzubieten. Erst nach und nach realisierte ich: Es war meine Unsicherheit im Kontakt mit Sehbehinderten, die ich unbewusst auf mein Gegenüber projizierte. Sehbehinderte erschienen mir hilfsbedürftig, dabei war ich es, der Hilfe (sprich: Orientierung) brauchte. Für sehbehinderte Menschen ist es normal, mit Sehenden zu tun zu haben. Nur für mich war es (anfangs) ungewohnt und verunsichernd.

Erster Praxistest

Sehr viel lernte ich von Gerhard Jaworek. Er ist blind und arbeitet am Zentrum für digitale Barrierefreiheit und Assistive Technologien, dem ACCESS@KIT des Karlsruher Instituts für Technologie. Er war mein erster blinder Teilnehmer in einem Workshop. Dank seinem Feedback fühlte ich mich anschließend bereit, Seminare für Sehbehinderte durchzuführen. Natürlich nur mit beratender Unterstützung von Gerhard und seinen Kolleginnen, die mir bei jeder Unsicherheit super halfen.

Nächste Challenge: blind zoomen?!

Im Zuge der Lockdowns hatte ich alle meine Veranstaltungen auf Online umgestellt, Das funktionierte viel besser, als ich vorher dachte. Doch klappt Zoom auch in einem Seminar mit Sehbehinderten? Ergibt sich durch Zoom für Sehbehinderte wirklich ein Mehrwert oder ist das (mal wieder) eine bornierte Idee von mir als Sehender?

Wieder halfen mir Gerhard und Kolleginnen durch zahlreiche Gespräche und Testsitzungen. Wieder war ich baff, was ich alles nicht wusste. Zum Beispiel, dass die Tonqualität in Zoom besser ist als bei den meisten Telefonverbindungen. Und wie einfach sich Zoom mit den richtigen Tastenkürzeln bedienen lässt. Sollen beispielsweise Teilnehmende, egal ob sehend oder sehbehindert, vorbereiteten Breakout-Räumen beitreten, sage ich seit dem nur noch „einfach die ‚Enter-Taste‘ tippen!“. Das finden sogar Sehende mit wenig Webinar-Erfahrung hilfreich und kinderleicht. So eröffnete sich mir durch „Zoom für Sehbehinderte” eine neue Welt. Zu wissen, wie und wo Zoom auch mit Tastatur zu bedienen ist kann also für alle durchaus lohnend sein.

Gelerntes teilen

All das, was ich lernte, wollte ich teilen. So fragte ich Gerhard, ob wir dieses Know-how nicht mal anderen Trainer:innen zugänglich machen wollen. Im Rahmen der TT-Networking-Lounge des Trainertreffen Deutschlands teilten wir unsere Erfahrungen zu Visualisierungen und Webinaren mit Sehbehinderten, gaben Tipps und beantworteten Fragen.

Drei wertvolle Erfahrungen

Für alle, die nicht dabei waren oder sein konnten, hier die für mich wertvollsten Erfahrungen:

1. Auch aus Worten entstehen Bilder

Ich visualisiere live. In Präsenz am Flipchart, online am iPad. Das war auch schon so bevor ich mit Sehbehinderten arbeitete.

Gerhard sagte mir, dass ich scheinbar automatisch beim Malen erkläre, was ich zeichne. Und so entsteht auch bei ihm, der es nicht sieht, ein Bild im Kopf. “Genial!” dachte ich, denn meine größte Sorge war, das ich mit meinen Visualisierungskünsten bei Sehbehinderten total falsch bin. Doch jetzt stellt sich raus: wenn ich male und gleichzeitig beschreibe, was ich male, lasse ich beim Erklären nichts aus. So ist sichergestellt, dass das Bild im Kopf auch für Sehbehinderte vollständig ist.

Wichtig war noch, dass ich jedem meiner fertigen Bilder einen Namen gebe. Denn drauf zeigen und sagen wie man hier sieht” ist im Workshop mit Blinden ein No-Go. Denn Sehbehinderte sehen nicht (unbedingt), worauf ich zeige. Gebe ich dem Bild stattdessen einen prägnanten Namen (z.B. „Zeigefinger im Glas”), wird auch blind das Bild im Kopf aufgerufen.

Ich übte also in meinen Veranstaltungen mit Sehenden das gleichzeitige malen und beschreiben, was ich da zeichne. Und seitdem haben alle meine Bilder einen Namen (auch die, die vorher namenlos waren). Und ich bilde mir ein, dass auch Sehende Zusammenhänge leichter verstehen und nachhaltiger einrpägen, wenn sie nicht nur sehen wie ein Bild entsteht, sondern es auch auditiv entstehen hören.

2. Auf Augenhöhe trotz Kamera

In Webinaren lernte ich für mich: alle haben die Kamera an. Denn ich orientiere mich am Gesichtsausdruck und lade die Teilnehmenden ein, mir über Gesten Rückmeldung zu geben.

Im Webinar mit Sehbehinderten nun darauf zu bestehen, dass alle die Kamera an machen, auch wenn sie selbst nichts sehen, fand ich schräg. Ich wusste: blinde Menschen können alleine kaum checken, wie ihr Video und Hintergrund aussehen. So ungern ein Teil von mir aus der eigenen Komfortzone wollte, akzeptierte ich, dass es besser ist, wenn wir uns im Webinar auf Augenhöhe begegnen und die Kamera jede und jeder auslassen kann anstatt eine eingeschaltete Kamera zur Bedingung zu machen (was ich sonst tue). Gleichzeitig übte ich mich darin, mich anders als gewohnt zu orientieren: mehr an Stimmen und gesagtem als an Mimik, Gesten und Emojis.

An Tag zwei von vier Webinar-Tagen machten die ersten sehbehinderten Teilnehmenden die Kamera an. „Weil ich nicht musste und mich in dem virtuellen Raum bei Marc sicher fühlte!“ erfuhr ich in der Abschlussrunde am letzten Tag.

Wenn ich in Seminaren erkläre, frage ich im Anschluss gerne: „Ist das ein klarer Gedanke?“. Was in Präsenz gut funktionierte sorgte in meinen ersten Webinaren für lange, irritierende Stille. Bis ich auf die Idee kam die Teilnehmenden aufzufordern via Emojis zu reagieren. Also bei „ja, ist ein klarer Gedanke!“ den ‚Daumen hoch‘ klicken. So sahen alle schnell, ob meine Erklärungen verständlich waren. Oder nicht.

Toll!

Nun sind in Zoom Emojis in der eigenen Kachel nicht durch die Tastatur auswählbar und somit für Sehbehinderte nicht nutzbar.

Als die ersten Sehbehinderten nun ihre Kamera anstellten, hielten sie einfach ihren Daumen in die Kamera, wenn ich wieder routinemäßig fragte „ist das ein klarer Gedanke?“. Nun konnte ich allen Feedback geben, wie viele Daumen oben sind und brauchte immer weniger direkt fragen. Da merkten alle: das ist für alle ein prima Workflow. So bekommen alle sehr schnell Rückmeldung und es bleibt kurzweilig. Und ich muss nicht jede und jeden einzeln fragen.


3. Back to the roots

Mit OBS-Schnick-Schnack und Animationen kann man als Trainer in Webinaren schon punkten. Jedoch hilft beides in Webinaren mit Sehbehinderten kaum weiter. Ich durfte lernen, mein Augenmerk mehr auf die alten Werkzeuge wie Storytelling, Metaphern und Struktur zu richten.

Auch wenn in den Jahren vorher niemand an meinen Stories, den Metaphern oder meiner Struktur was aussetzte – im Webinar mit Sehbehinderten erhielten präsentierte Sequenzen einen neuen Schliff: die Geschichten waren noch pointierter, Metaphern bekamen mehr Brillanz und die Struktur gewann an Klarheit.

Und auch hier profitieren anschließend meine “normalen” Veranstaltungen mit Sehenden von meinen Erfahrungen mit Sehbehinderten.



Alle profitieren

Vorgestern hatte ich via Zoom ein Follow-up-Treffen mit einer Kursgruppe von Sehenden. Eine Teilnehmerin war zu ihrer Mutter gefahren, wo sie nicht ins Internet kam. Sie nahm beim Zoom per Telefoneinwahl teil. Konnte also selber nichts sehen und auch nicht gesehen werden. Dieses Setting kam mir bekannt vor! Jetzt profitierten alle von den Routinen, die ich von den Sehbehinderten lernte. Grandios!

Auch Gerhard schreibt in seinem Blog über unsere gemeinsame Veranstaltung im Rahmen der Trainer-Lounge des Trainertreffen Deutschlands.

Gerhard Jaworek

Erst die Unterstützung und Tipps von Gerhard Jaworek (oben) machten es Marc Buddensieg (unten) möglich, LWP-Veranstaltungen für Sehbehinderte in Präsenz und Online durchzuführen.

Marc Buddensieg, Life/Work-Planning Institut
Train the Trainer: von Sehbehinderten lernen